Eines der beherrschenden Themen der letzten Tage war sicherlich die Diskussion um die Sicherheit des KERS. Nach den aktuellen Ereignissen sehen manche Web-Seiten die Einführung dieses Systems für die Saison 2009 schon gefährdet.
Meiner Meinung nach wird da im Moment doch vielleicht etwas übertrieben. Ich weiß nicht was genau vor zwei Wochen bei RedBull passiert ist, weiß aber das bei manchen Formel 1 Teams der Feueralarm schon hin-und-wieder mal bei einem normalen Motor Fire Up losgeht. Diese Fire-Ups finden regelmäßig vor Rennen und Testfahrten statt, um zu kontrollieren ob alle Systeme des wiederaufgebauten Autos einwandfrei funktionieren. Wenn dann mal etwas Öl auf den Auspuff kommt und es fängt an zu qualmen, schlägt halt schon mal der Feuermelder an. Was ich damit sagen will ist, daß es durchaus sein kann das hier mangels Informationen aus einer Mücke ein Elefant gemacht worden ist.
Den Unfall in Jerez, bei dem ein Sauber Mechaniker scheinbar einen Stromschlag erhalten hat, darf man natürlich nicht verharmlosen. Dennoch denke ich, daß dies Kinderkrankheiten sind, die man schnell in den Griff bekommen kann. Die Entwicklungsgeschwindigkeit ist extrem hoch und es ist eigentlich typisch für die Formel 1, daß Entwicklungen „just in time“ vorangetrieben werden.
Speziell jetzt werden die Teams noch sorgfältiger vorgehen werden, wenn das System am Prüfstand oder im Auto eingesetzt wird. Vielleicht sollte man diese sicherheitsrelevanten Dinge offen in der TWG, der Arbeitsgruppe der Technischen Direktoren, diskutieren und sicherheitsrelevante Erfahrungen mit der Konkurrenz teilen.
Ich bin mir deshalb ziemlich sicher, daß die KERS der einzelnen Teams nächsten März in Melbourne einsatzfähig sind, die Frage ist nur, will man KERS überhaupt einsetzten? Sprich: Hat man mit KERS einen Vorteil?
Dank KERS wird man eine gewisse Leistung für eine gewisse Zeit zusätzlich abrufen können, eigentlich ein Vorteil. Diesen Vorteil aber erkauft man sich mit zusätzlichem Gewicht, das KERS mit sich bringt. Die Autos werden ´das Mindestgewicht nicht überschreiten, da man entsprechend Ballast aus dem Auto nehmen kann. Weniger Ballast heißt nun aber, weniger Spielraum mit der Gewichtsverteilung. Bei Formel 1 Autos befindet sich durch Motor und Getriebe relativ viel Gewicht auf der Hinterachse, aber in bezug auf das Fahrzeughandling war es in den letzten Jahren von Vorteil eine ausgeglichenere Gewichtsverteilung zwischen Vor- und Hinterachse zu haben. Dementsprechend wurde der bisher Ballast weiter vorne im Fahrzeug platziert. Weiterhin wird versucht, durch geschicktes Verteilen des Ballast den Fahrzeugschwerpunkt zu senken; je niedriger der Fahrzeugschwerpunkt, desto höher die Kurvengeschwindigkeiten durch die geringeren Radlastunterschiede.
Ein Teil dieser Flexibilität verliert man nun mit KERS, der Schwerpunkt wird ansteigen, außerdem wird das Zusatzgewicht des Systems wohl hauptsächlich im hinteren Teil des Fahrzeugs anfallen. Somit wird aus fahrdynamischen Gesichtspunkten ein Auto mit KERS nicht so schnell sein wie Fahrzeug ohne KERS. Ein Fragezeichen steht noch hinter Slick Reifen für 2009. Falls diese eine mehr hecklastige Gewichtsverteilung erlaubten, könnte dadurch ein Teil des Nachteils wieder wettgemacht werden.
Möglich, daß die Teams je nach Streckencharakteristik entscheiden werden, KERS einzusetzen oder nicht. Vielleicht wird es auch Teams geben, die sagen werden, wir sparen uns das ganze und stecken das Geld lieber in den Windkanal. Außerdem ist KERS, speziell am Anfang, eine zusätzliche potentielle Fehlerquelle, die zu Ausfällen führen kann. Diese Teams, sollte es sie denn geben, hoffen möglicherweise für 2010 ein ausgereiftes System vom jeweiligen Motorenlieferanten oder einem Zulieferer kaufen zu können.
Ein letzter Punkt zu KERS: vor einigen Wochen geisterten Bericht durch die Medien, McLaren würde zwei Fahrzeuge für 2009 entwickeln, ein Fahrzeug speziell für KERS und ein herkömmliches. Es ist durchaus möglich, daß man in der Konzeptphase beide Wege verfolgt hat und sich dann für den vielversprechendsten entschieden hat. Selbs McLaren wird nicht genügend Ressourcen haben beide Projekte parallel voranzutreiben. Deshalb halte ich es für höchst unwahrscheinlich, daß McLaren nächsten Januar mit zwei unterschiedlichen Fahrzeugen bei den Wintertests auftauchen wird.
